In vielen ethischen Systemen nehmen die Begriffe Tugend und Laster einen breiten Raum ein. Bei näherem Hinsehen zeigen sich Tugenden und Laster als alles andere als ‚allgemein menschliche‘ Werte.
Vielmehr erweisen sich die Tugend-/Laster-Kataloge als Ergebnis konkreter historischer Gesellschaften und ihres beherrschenden, von ‚oben‘ herab herrschenden Regelungsystems. Alternative subversive Teile der Gesellschaft können zur gleichen Zeit durchaus entgegengesetzte Wertekataloge aufweisen.
Platon ordnet jedem der drei von ihm angenommenen Seelenteile und jedem der drei Stände in seiner Konzeption einer idealen Gesellschaftsordnung (πολιτεία, politeía) eine Tugend zu, nämlich dem obersten Seelenteil bzw. Stand die Weisheit, dem zweitrangigen die Tapferkeit und dem niedersten die Verständigkeit oder Fähigkeit des Maßhaltens. Die Gerechtigkeit ist allen drei zugewiesen, sie sorgt für das rechte Zusammenwirken der Teile des Ganzen.
Ebenso verwenden alle Religionen und Weltanschauungs-Systeme Tugend- und Laster-Kataloge zu ihrem Nutzen und ändern sie entsprechend ab.
Hier will ich zunächst auf die Begrifflichkeit von Wörtern wie Tugend und Laster eingehen.
Der nächste Teil ist ein konsolidierter Tugend- und Laster-Katalog über alle oder viele Systeme hinweg, herausgezogen aus den Wikipedia-Artikeln Tugend, Kardinaltugend, Sekundärtugend und anderen.
Hierfür nehme ich wieder die Darstellung in Gegensatz-Paaren wie beim Kapitel Handeln. Das soll sofort die Relativität von Tugenden und Lastern illustrieren. Ziel der Darstellung ist es, zu zeigen, wie sehr die genannten Werte (einschließlich „Un-Werten“) in ihrem Nutzen von der konkreten Situation abhängen. Ihre Funktion als Zuchtinstrument eines gegebenen gesellschaftlichen Ganzen im Vergleich zu für alle Menschen gleichermaßen anwendbaren Werten zeigt sich zur gleichen Zeit.
Ich habe die Begriffe, Paare und Gruppen geordnet von den mehr instrumentellen, mehr beliebigen Zwecken dienenden bis zu den weniger instrumentellen, weniger beliebigen Zwecken dienenden. Die Unterscheidung in Primär- und Sekundärtugenden erscheint mir bei weitem zu grob, ich will eine weitergehende Differenzierung der Gruppen erreichen.
Die Tugenden sind innerhalb der Blöcke zunächst überwiegend alfabetisch geordnet.
Rechtes Handeln
Das ist zunächst nur eine Leerformel ohne Inhalt.
Vergleiche „Gott mit uns!“ : was dem Einen Recht ist, ist dem Anderen Unrecht.
Rein instrumentelle „Tugenden“
geeignet, um Menschen zu retten wie zum Massenmord
Ausdauer
Disziplin
Fleiß
Gehorsam
Gewissenhaftigkeit
Härte
Klugheit
Machbarkeit
Höflichkeit
Mut
Ordnungssinn Ordentlichkeit Ordnung Ordnungsliebe
Pflichtbewusstsein
Pünktlichkeit
Reinlichkeit Sauberkeit
Sparsamkeit
Standhaftigkeit
Stärke
Tapferkeit
Zielstrebigkeit
Gerechtigkeit Gerechtigkeitssinn
(„Suum cuique“ = Jedem das Seine)
Auch die Gerechtigkeit ist zunächst nicht viel mehr als eine Leerformel. Sie wendet sich nur gegen offenkundige Willkür und Parteilichkeit und verlangt ein mehr oder weniger stabiles und einsichtiges Regelwerk für die sozialen Beziehungen.
Tugenden der Unterordnung
Innigkeit (親 qīn) zwischen Vater und Sohn
Rechtes Handeln (義 yì) zwischen Fürst und Untertan
Reihenfolge (序 xù) zwischen Alt und Jung
Sitte
Trennung (別 bié) zwischen Gatte und Gemahlin
Unterordnung
Tugenden der Unterordnung oder Hingabe an Götter o.ä.
Frömmigkeit
Glaube
Hingabe Hingabe an Gott
Tugenden des Verzichts
Enthaltsamkeit
Keuschheit
Mäßigung
Reinheit
Tugenden der Begrenzung bis zur Unterordnung
Bescheidenheit
Demut
Genügsamkeit
Selbstverleugnung
Persönlichkeitsmerkmale, die das Zusammenleben der Menschen
und oder das eigene Leben erleichtern und oder angenehmer machen können
Aufrichtigkeit
Beständigkeit
Berechenbarkeit
Besonnenheit
Geduld
Geradlinigkeit
Gewaltlosigkeit Ahimsa
Integrität
Ehrlichkeit
Freimut
Redlichkeit
Emanzipation - emanzipiert sein
Enthusiasmus
heitere Gelassenheit
Hochsinn
Konfliktfähigkeit
Kreativität
Nonkonformität
Selbstbestimmung - selbstbestimmt Sein
Selbstverwirklichung
Selbständigkeit
sexuelle Verantwortung
Solidarität
soziale Werte
Toleranz
Treue
Unbestechlichkeit
Vertrauen
Wahrhaftigkeit
Wahrhaftigkeit (信 xìn) zwischen Freund und Freund
Wahrheit
Weisheit
Zuverlässigkeit
Zurückhaltung („Mehr sein als scheinen!“)
Noch mehr zum Gefühl hin
Dankbarkeit
Barmherzigkeit
Friedfertigkeit
Großzügigkeit (von Gastfreundschaft)
guter Wille
Güte
Liebe
Menschlichkeit
Mildtätigkeit
Andere Begriffe
andere logische und grammatische Basis denn Eigenschaften von Menschen
(zB Ziele, Zustände, Handlungen, Aktionen)
Freiheitsliebend - von „Freiheit“
Ehrliebend, auf seine Ehre bedacht - von „Ehre“
egalitär von „Gleichberechtigung“
hoffnungsvoll von „Hoffnung“
Opfer und Buße
fähig zum Staunen von „Staunen“
fleißig und fähig zu „Studium und Reflexion“ von „Studium und Reflexion“
wißbegierig von „Wissen“
Vermißte Begriffe
Offenheit
Distanz, Gefühlsabstand bei rationalem Denken, „Objektivität“
Skepsis
Kritikfähigkeit und Fähigkeit zur Selbstkritik
Mit den
Gegensatzpaare
wird es überraschend schwierig, ich fand auf den ersten Blick zunächst nur
Sparsamkeit - Großzügigkeit
Ordnung, mit Gehorsam, Unterordnung - Freiheit
Mäßigung, Bescheidenheit - Enthusiasmus
Härte, Strenge - Güte, Großzügigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit